

über hundert Studentenverbindungen
Die verbindungsstudentische Kultur in Breslau gehörte bis 1935 zu den reichsten und vielfältigsten im gesamten deutschen Hochschulraum. An der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität und der Technischen Hochschule existierten über einhundert Studentenverbindungen unterschiedlichster Prägung: Corps, Burschenschaften, Landsmannschaften, katholische Verbindungen, Turnerschaften, Sängerschaften und auch jüdische Korporationen.
Die besondere Stellung Breslaus hatte mehrere Ursachen. Die Universität entstand 1811 aus der Vereinigung der Universität Frankfurt an der Oder mit der Breslauer Leopoldina. Dadurch wurden ältere studentische Traditionen direkt nach Breslau übertragen. Gleichzeitig war Breslau ein kultureller Grenzraum zwischen Preußen, Schlesien und Osteuropa. Die Stadt besaß eine starke katholische Tradition, war zugleich protestantisch geprägt und besaß zusätzlich eine der größten jüdischen Gemeinden. Dadurch entwickelte sich eine ungewöhnlich breite und pluralistische Korporationslandschaft.
Zum hundertjährigen Universitätsjubiläum 1911 erschien sogar eine Postkarte mit den Farben und Zirkeln sämtlicher Breslauer Verbindungen – ein Zeichen ihres hohen gesellschaftlichen Stellenwertes.
Einige dieser Häuser stehen noch heute
Zu den bedeutendsten Corps gehörten Corps Borussia Breslau, Corps Silesia Breslau, Corps Lusatia Breslau und Corps Marcomannia Breslau. Diese Corps waren und sind Teil des Kösener Senioren-Convents-Verbandes und prägten das gesellschaftliche Leben der Universität stark.
Die Corps und Burschenschaften waren weit mehr als bloße studentische Freizeitvereine. Sie bildeten soziale Netzwerke, vermittelten politische und gesellschaftliche Kontakte und beeinflussten die akademische Elite Preußens erheblich. Viele Professoren, Richter, Verwaltungsbeamte und Offiziere waren selbst Korporierte. Die Verbindungen organisierten Debatten, Vorträge, Fechtveranstaltungen, Kneipen und Kommerse. Besonders die Corps verstanden sich als Schulen persönlicher Haltung, Disziplin und lebenslanger Bindung.
Auch im Stadtbild war die Verbindungskultur sichtbar. Viele Korporationen besaßen eigene Häuser mit Kneipsälen und Bibliotheken. Einige dieser Häuser stehen noch heute. Akademische Festzüge und Couleurstudenten gehörten selbstverständlich zum Straßenbild der Universitätsstadt.
Das Abenteuer meiner Jugend
„Das erste Allgemeine steigt: und sofort wird das »Gaudeamus« von fünfhundert wilden Kehlen angestimmt.”
Eine zentrale Rolle spielte der sogenannte Zobtenkommers. Der Zobten, heute Ślęża, wurde für die Breslauer Korporationen zum symbolischen Identifikationsort. Beim Zobtenkommers trafen sich zahlreiche Verbindungen zu einer alljährlichen großen Festveranstaltung mit Fahnen, Couleur, Gesang und Reden.
Diese Feier verband studentisches Brauchtum mit schlesischem Regionalbewusstsein. Denn der Zobten galt vielen Korporierten als landschaftliches Sinnbild Schlesiens selbst. Der Kommers war daher nicht nur gesellschaftliches Ereignis, sondern Ausdruck gemeinsamer Identität der Breslauer Studentenschaft.
Der bekannte schlesische Schriftsteller Gerhart Hauptmann schreibt einst in seinem Buch "Das Abenteuer meiner Jugend" über den Zobtenkommers und die besonderen Erfahrungen mit den Breslauer Verbindungsstudenten.
„Was sei die Unruhe, der Erkenntnisdrang, der Trieb des Suchens, Findens und Erfindens anders, als das Eingeständnis menschlicher Unvollkommenheit.”
Wer noch mehr über die Geschichte der Verbindungen in Breslau oder allgemein erfahren möchte, dem seien die folgenden Seiten empfohlen: